a foto a day – the start of a project

“a foto a day”

 

In einer immer komplexer werdenden Welt verlieren wir den Sinn für das Kleine, Unscheinbare, Selbstverständliche. Schon den Neorealisten in den Sechzigern ging es darum, den Blick für das Alltägliche nicht nur zu schärfen sondern überhaupt wieder zu entwickeln. Wer betrachtet heute noch die Ästhetik eines ausgespuckten Kaugummis, einer alten Sammeltasse mit den eingetrockneten Kaffeerückständen des Morgens, die Ästhetik von vier Eiern in einer klassischen Eiertransportbox oder eines Tisches mit einer gelben Lacktischdecke im Wartezimmers eines Augenarztes.

Den selektiven Blick für diese “unsichtbaren” Dinge und Momente zu schärfen ist die Grundlage des Künstlers, die Frage, wie dieselben bildnerisch zu bannen und fotografisch zu manifestieren und digital gestaltend zu verändern der künstlerische Auftrag. Jeder Tag ein neuer genussvoller Blick auf die unsichtbare und selbstverständliche Welt. Wer die Schönheit und Besonderheit der Innenseite eines Nutellaglasdeckels erkennt, kann sich womöglich die Sehnsucht nach einem Leben in Venedig ersparen.

Als Mensch besitzen wir eine egozentrischen Wahrnehmung, wir können nur alles von uns selbst aus sehen, aber darüber hinaus bestimmen wir sogar, ob das, was wir sehen groß oder mickrig, überwältigend ist oder unsere Missbilligung erzeugt. Wenn wir aufhören zu werten und einfach nur Dinge und Menschen als das sehen, was sie wirklich sind in ihrer Form, ihrer Farbe und ihrer Schönheit, wird es uns zunehmend überraschen, von wie vielen Wundern und von welcher Schöpfung wir umgeben sind.

Dieser Blog ist ein offener Prozess. Es fängt mit Fotos an, aber womöglich mündet es in Zeichnungen, in Malerei, in Installation oder einem Kurzfilm. Wer weiß? Aber genau dieses “Wer weiß?” ist am Ende das Inspirierende und Antreibende für einen Künstler.

Let’s remain curious,

herzliche Grüße

 

Stephan Geisler

 

 

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Die zunehmende Kategorisierung in unserer Gesellschaft und die damit verbundene wunderbar einfachen Möglichkeiten der Wertung sind nicht nur Gegenspieler der Kunst, sondern auch des Lebens, der Individualität und des menschlichen Miteinanders. Jeden Menschen, jedes Ding immer wieder neu zu entdecken ist zwar aufwendiger als unsere Kathegorisierungsmechanismen zu nutzen, aber es macht das Leben reicher und erfüllter.

Diese Serie ist ein Schritt in ebendiese Richtung. Ich nötige mich, zumindest einen Moment, eine Sache, eine Situation oder einen Menschen täglich neu zu betrachten und zu gestalten. Ich nötige mich zum Hinschauen, Ich nötige mich meine Welt neu zu betrachten, Ich nötige mich offenherzig und glücklich zu sein.

Es mag kein neuer visionärer Ansatz in der Welt der Kunst sein, aber es ist ein Gedanke, der mich antreibt.

In diesem Sinne erleben Sie die Momente, so wie ich sie entdecken und festhalten durfte.  Um so weniger Sie erkennen, um so offener stehen Sie dem Bild gegenüber. Seien Sie erfüllt.

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